Märchenhaftes Lenormand – Symbolik des Bären in Schneeweißchen und Rosenrot – Teil 1

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In dem bezaubernden Grimms Märchen Schneeweißchen und Rosenrot spiegelt sich die Aussagekraft von gleich drei Lenormand-Symbolen sehr deutlich – Bär, Blumen und Lilien. In diesem Teil werden wir uns intensiv mit der Figur des Bären beschäftigen und viele interessante Deutungsaspekte über ihn herausfinden. Seine symbolische Bedeutung im Märchen ist nahezu vollständig übertragbar auf seine Bedeutung in den Lenormandkarten! Nichts bietet also mehr Gelegenheit, sich mit dem Bären anzufreunden, als die Geschichte von Schneeweißchen und Rosenrot.

Abschnitt 1: Die beiden Schwestern Schneeweißchen und Rosenrot leben in Frieden mit sich und der Welt im Haus ihrer verwitweten Mutter. Trotz ihrer großen Unterschiedlichkeit sind die Geschwister ein Herz und eine Seele (im 2. Teil werden wir sie noch näher kennenlernen). Sie führen ein bescheidenes, aber gutes Leben. Ihrer Mutter helfen sie brav im Haushalt und bereiten ihr keinen Kummer. Selbst wenn sie nachts aus dem Wald nicht heimkehren, muss sie sich nicht sorgen, denn noch nie hat ihnen ein Wesen etwas zu Leide getan. Allzeit werden ihre Mädchen von einem Engel beschützt, den sie auch sehen können.

Wer das Märchen gerne original nachlesen möchte, findet es hier.

Deutung: An dieser Stelle erfahren wir, dass Schneeweißchen und Rosenrot vaterlos aufwachsen. Sie haben eine liebevolle Mutter, um die sie sich rührend kümmern. Der Engel, der über die Schwestern wacht, wird als schönes Kind im weißen, glänzenden Kleidchen beschrieben. Offenbar handelt es sich bei dem guten Geist um ein Mädchen. Die weibliche Energie ist in der Familie sowohl auf irdischer Seite als auch auf äthBaerkleinerischer Ebene sehr stark ausgeprägt. Die Kinder scheinen unter der Abwesenheit einer männlichen Bezugsperson nicht zu leiden. Alles ergibt ein Bild perfekter Harmonie. Jedoch versucht die Natur immer beide Prinzipien – das weibliche und das männliche – im Gleichgewicht zu halten, damit keines von beiden zu dominant wird. So kommt der Tag, an dem die männliche Energie mit voller Kraft ins Leben der beiden Schwestern tritt und von diesem Zeitpunkt an alles verändert. Der Bär als Urkraft des Maskulinen erscheint auf der Bildfläche… Wir wissen aus dem Lenormand, dass der Bär das Prinzip der Männlichkeit verkörpert, aber auch Vaterthemen ansprechen kann. Gleich erfahren wir, in welcher Absicht der Bär zu den Mädchen kommt.

Abschnitt 2: „Eines Abends…klopfte jemand an die Türe…Rosenrot schob den Riegel weg und dachte, es wäre ein armer Mann, aber der war es nicht. Es war ein Bär, der seinen dicken schwarzen Kopf zur Türe hereinstreckte.“

Weil er die Kinder zunächst in Angst und Schrecken versetzt, beruhigt der Bär sie bei seinem Eintreten und versichert, dass er sich nur aufwärmen möchte. Die Mutter ist kein bisschen aufgeregt, weil sie wohl darum weiß, dass ebendieser Bär es nur gut meint. Hat sie etwa schon eine Ahnung davon, dass unter seinem Pelz der zukünftige Bräutigam einer ihrer Töchter steckt? Als diese mit dem Bären etwas zu ausgelassen herumtoben, ermahnt er: „Schneeweißchen, Rosenrot, schlägst dir den Feier tot.“

Deutung: Mit „Freier“ ist im alten Sprachgebrauch ein Bewerber gemeint, der um die Hand des Mädchens anhalten möchte. Interessanterweise wird die Figur des Bären im Lenormand sehr häufig als Stellvertreter für einen Mann verwendet, in Liebesfragen für jemanden, der eventuell als Partner oder Liebhaber in Frage kommt. Dennoch erscheint es so, als ob der Bär zunächst als väterliche Figur oder Hausfreund das Vertrauen der Mädchen gewinnen möchte. Später wird sich zeigen, wer sich noch hinter seiner Gestalt verbirgt.

Bald schon verlieren die Mädchen ihre Angst vor dem großen Bären. Begeistert von der abwechslungsreichen Gesellschaft hegen und pflegen die Geschwister den Spielgefährten den ganzen Winter über. Während dieser Zeit kommen etliche Eigenschaften des Bären zum Vorschein, die wir uns auch von seiner Symbolik im Lenormand ableiten können: Sein familiärer Beschützerinstinkt zählt dazu, aber auch der regenerative Prozess. Obgleich der Winterschlaf in der Hütte von Schneeweißchen und Rosenrot etwas zu kurz kommt, ist es doch die Zeit des Rückzugs, in welcher der Bär seiner Natur nach wieder neue Kräfte sammelt (Alle psychologischen und spirituellen Eigenschaften des Bären finden Sie in meinem neuen Buch „Die fabelhafte Welt des Lenormand“).

 Schneeweisschen_und_Rosenrot3Abschnitt 3: Mit Anbruch des Frühlings muss der Bär gehen, um seine im Erdboden vergrabenen Schätze vor dem diebischen Zwerg zu retten. Als er beim Gehen an einem Türhaken hängenbleibt, reißt sein Fell auf, und es schimmert Gold hervor. Daraufhin ward er nicht mehr gesehen. Während die Schwestern ihren Aufgaben nachgehen, die ihnen ihre Mutter aufgetragen hat, begegnen sie drei Mal einem widerborstigen Zwerg. Beim Versuch Säcke mit Edelsteinen zu verstecken, scheitert er jedes Mal. Trotz der Beschimpfungen, die die Mädchen über sich ergehen lassen, helfen sie ihm aus der Patsche. Als sie noch einmal auf den vor Zorn glühenden und Rache schwörenden Zwerg treffen, eilt der Bär herbei und erschlägt ihn. In diesem Moment verwandelt sich der Bär befreit von seiner Verwünschung in den Königssohn zurück. Die gestohlenen Schätze holt er sich zurück. Sein Bruder und er heiraten Schneeweißchen und Rosenrot, und zusammen mit der Mutter leben sie noch lange glücklich.

Deutung: Das unter dem Fell glänzende Gold verrät, dass der Bär zwar in seiner Wildheit gefangen ist, sich aber unter seiner Bärenhaut ein königliches Wesen voller Weisheit und Güte verbirgt. In diesem Märchen tritt er als guter Freund und Retter in der Not auf. Seine Gegenwart verspricht nur Gutes. Gold ist symbolisch gleichzusetzen mit einer sehr reifen Bewusstseinsstufe. Tatsächlich wird im Schamanismus etlicher alter Kulturen der Bär als höchster aller Tiergeister und Symbol des Bewusstseins gewürdigt (dazu mehr im Kapitel „Der Bär“, Die fabelhafte Welt des Lenormand).

Als Bär und Zwerg aufeinandertreffen, beginnt der Kampf von Gut gegen Böse. Der habgierige, giftssprühende Kobold vereint in sich alle unreifen und ungehobelten Eigenschaften. Sein Auftreten konfrontiert die arglosen Mädchen mit einem gefährlichen Potential an Gewalt, Neid und negativer Energie. Der Bär bildet dazu den Gegenpol. Indem er bereit ist, im Ernstfall alles Liebevolle (die Schwestern) und Kostbare (die Schätze) zu beschützen und das Böse auszumerzen, beweist er männliche Stärke, ja sogar Ritterlichkeit, im besten Sinne. Nicht nur als buchstäbliches Krafttier tritt der Bär in Erscheinung. Er zeigt durch seinen langen Aufenthalt im „Frauenhaushalt“ auch die Wertschätzung gegenüber der weiblichen Energie! Respekt ist eine weitere nennenswerte Eigenschaft, die auch im Lenormand zur Symbolik des Bären zählt.

Wie wir sehen können, vereint der Bär viele großartige und für die moderne Deutung sehr nützliche Aspekte, die wir in ihrer Ganzheit unbedingt mehr beachten sollten.

Lesen Sie in Teil 2, wie dieses Märchen die Symbolik von Blumen und Lilien widerspiegelt.

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