Märchenhaftes Lenormand – Dornröschen, der Zauber der Zahlen und die Rauhnächte (Teil 3 von 3)

Nachdem Sie im letzten Beitrag einiges über die Verbindung der 12. Fee in Dornröschen zur Lenormandkarte Eulen im Lenormand erfahren haben, wenden wir uns nun endlich dem mächtigen Zauber der 13. Fee zu. An dieser Schlüsselszene des Märchens lässt sich erkennen, dass die Zahl 13 einst eine ganz andere Bedeutung hatte als heute. Genau davon leiten sich die Bedeutungen der Lenormandkarte Kind ab! Die 13 war nämlich alles andere als eine Unglückszahl! Außerdem geht es weiter mit spannenden Erkenntnissen zur Bedeutung des Bären.

„Als elfe ihre Sprüche eben gethan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen daß sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme ‚die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und todt hinfallen.‘ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen kehrte sie sich um und verließ den Saal…“ (das Märchen können Sie hier nachlesen)

Erbost darüber der Feier des neu geborenen Kindes nicht beiwohnen zu dürfen, stürmt sie den Saal und stößt einen Fluch gegen das arme Dornröschen aus. Es soll im Alter von 15 Jahren durch den Stich einer Spindel zu Tode kommen. Ziemlich düstere Aussichten, wäre da nicht die 12. Fee dazwischengekommen.
Aber um was geht es überhaupt bei der Zahl 13? Als Lenormandkenner assoziieren wir sie natürlich sofort mit der 13. Lenormandkarte – das Kind. Und um ebendieses geht es in Dornröschen! Jede Geburt ist ein Neuanfang, nicht nur für den neuen Erdenbürger, sondern auch für alle, die zu ihm eine enge Beziehung haben. Wie im Märchen ist auch in echt ein Neugeborenes für seine Eltern und Verwandten der Nabel der Welt.Wir wissen, dass für ein Königreich die Sicherung der Thron- und Erbfolge besonders wichtig ist. Schon seit Jahrhunderten wird an allen Königshöfen die Geburt eines Prinzen oder einer Prinzessin als eines der hochrangigsten Ereignisse im Land gefeiert.

Eine weitere Bedeutung kennnen wir von der Karte des Kindes – Naivität und Gutgläubigkeit. Wem können wir diese in Dornröschen zuschreiben? Sehr wohl den Eltern des Kindes! Denn sie glauben, die 13. Fee, die sie mangels eines für sie passenden Tellers nicht einluden, wird schon keinen Schaden anrichten. Was für eine ungeheurer naive Vorstellung, gerade wo sie doch wissen, dass die Weisen Frauen allesamt magische Fähigkeiten besitzen, mit denen sie viel Gutes, aber eben auch viel Schlechtes anzustellen wissen. Im Grunde trägt das Königspaar eine Teilschuld am unaufhaltsamen Lauf der Dinge. Und das alles nur wegen einer Kleinigkeit, um nicht zu sagen einer Nichtigkeit – eines fehlenden goldenen Tellers. Auch darin sehen wir die Bedeutung unseres Lenormand-Kindes gespiegelt – Kleines, Unwichtiges, Banales. Doch wie man sieht kann aus einer solchen vermeintlichen Kleinigkeit eine große Staatsaffäre werden. Es zeigt uns, dass es fast immer die unscheinbaren und unterschätzten Dinge sind, die den Stein ins Rollen bringen. Alles, was wir abwertend betrachten, kleinreden, kann zum unbeherrschbaren Fallstrick werden. Selbst der König hat keine Macht gegen die 13. Fee!

Interessant ist die Tatsache, dass die keltische Kultur den Jahresrhythmus ins 13 Monden zählte. Es gab also statt zwölf dreizehn Monate. Nachdem das archetypische matriarchalische Zeitalter durch das aufstrebende Patriarchat abgelöst wurde, hat man das Jahr auf zwölf Monate gekürzt. Die Zahl 13 stand weiter ungebrochen für die Kraft des Weiblichen und die Fruchtbarkeit. Das Märchen Dornröschen erinnert daran, dass einst die Macht der Frauen vorherrschend war und sie sich nicht einfach ausschließen lässt. Eben das versuchte der König, indem er nur zwölf Teller bereitstellte. Ein deutlicher Hinweis auf die Ablehnung des weiblichen Prinzips. Im Text des Märchens erfahren wir auch an keiner Stelle etwas über die Königin. Sie kommt weder zu Wort, noch schreitet sie zur Tat. Alles bestimmt allein der König. Ein Ungleichgewicht der Kräfte, das zwangsläufig ein jähes Ende finden muss. Der weibliche Aspekt soll für die Balance der männlichen und weiblichen Kräfte wieder gestärkt werden. Somit würde der Tod Dornröschens wenig Sinn machen, da sonst die ungleiche Herrschaft noch stärker um die Kraft des Weiblichen beraubt würde. Der vorgesehene 100-jährige Schlaf, den die 12. Fee glücklicherweise aushandelt, wird notwendig sein, um die Dominanz des männlichen Prinzips solange schlafen zu lassen, bis die weibliche Macht – nämlich Dornröschen – erwacht und wieder für ein Gleichgewicht der Kräfte sorgt. Von ihrem Schicksal hängt nun alles ab, denn mit ihr versinkt alles in einen tiefen Schlaf: „…ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, an den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloss regte sich kein Blättchen mehr.“

Wir kennen heute die 13 als Unglückszahl. Dazu wurde sie aber erst im Zuge der Christianisierung gemacht – wieder einmal spiegelt sich darin die Verbannung des Weiblichen, das ja aus Sicht der männlichen Herrschaftsgewalt nur „Unglück“ brachte. Es ist zu vermuten, dass der Erfinder der Lenormandkarten um diesen Umstand wusste und sich deswegen bei der Symbolik der 13. Karte an der alten Bedeutung der Zahl 13 orientiert hat. Da diese für Fruchtbarkeit, Geburt und weiblichen Zyklus stand, wurde passend dazu das Kind zum Symbol der 13. Lenormandkarte.

Vor diesem Hintergrund können wir auch erahnen, warum es natürlich eine Frau war, die das Unglück über Dornröschen brachte. Noch dazu eine der Weisen Frauen, deren Wirken man später als Hexenwerk verunglimpfte und zum Anlaß der großen Hexenverfolgungen nahm. Es gibt kaum ein Märchen, in dem sich die einstige von mächtigen Kirchenmännern dominierte Gesellschaftsordnung deutlicher spiegelt als in Dornröschen.
Außer den Rauhnächten gibt es heute keine Feste mehr im Jahreskreis, die der Bedeutung der Weisen Frauen fürs Volk gedenken. Darum ist es umso wichtiger, die Tradition der Rauhnächte aufrechtzuerhalten!

Zurück zu Dornröschen. Wann es zur Wirkung des Zaubers wird, ist durch den Zauberspruch bereits vorbestimmt: Sobald Dornröschen es sich ihm zarten Alter von 15 Jahren an der Spindel sticht.
Hier wird nun die Zahl 15 auf den Plan gerufen. Wir kennen sie im Lenormand als die Zahl des Bären. Gemeinhin wird der Bär nur mit der Männlichkeit assoziiert. Ursprünglich aber stand er in erster Linie für die weibliche Macht. Er war unter anderem ein Attribut der keltischen Göttin Artio. Sie wurde als die Große Mutter von Schwangeren und Stillenden um Schutz gebeten. Auch die griechische Göttin Artemis wurde manchmal als Bärin dargestellt.

Die 15 aus Sicht der Zahlenmystik betrachtet, ergibt noch eine weitere interessante Erkenntnis. Denn sie setzt sich aus der 10, der Zahl der Vollkommenheit und der 5, der Zahl der Halbheit zusammen. Mit der 5 setzt also eine neue Entwicklung ein, um wieder zur 10 und damit zur Vollkommenheit, zum Ausgleich der Mächte zu gelangen. Soll heißen: Die Zeit der männlichen Vorherrschaft ist mit Dornröschens 15. Geburtstag abgelaufen. Es bricht ein neues Zeitalter heran, das wieder zurück in ein Gleichgewicht und damit in eine göttliche Ordnung führt. Damit das geschieht, muss die weibliche Kraft erstmal ordentlich gestärkt werden. Dornröschen ist nichts weiter als ihre Stellvertreterin. Wie jede Frau kommt sie mit 15 Jahren ins heirats- und geschlechtsfähige Alter. Sie wird also zur Frau und als einziges Kind des Königspaares gleichzeitig zur Anwärterin auf den Thron. So betrachtet würde sie also ab jenem Alter ernstzunehmend an Macht und Größe gewinnen. Und zwar an weiblicher Macht und Größe! Auch wenn es am Ende ein Prinz ist, der sie wachküsst, bleibt ungeklärt, ob sie dessen Frau und damit seine Königin wird oder ihr eigenes Reich regiert, das ja nach ihr als Thronfolgerin verlangen würde. Wir wissen es nicht, aber eines steht fest: Die weibliche Kraft wird sich ihren Weg bahnen. Sie wird entscheidenden Einfluss nehmen auf die männliche Vorherrschaft und damit weibliche Energie in das Leben am Hof zurückführen. Wenn nicht im Alter von 15, dann eben 100 Jahre später, wenn das Mädchen und mit ihr der gesamte Hofstaat erwacht.

Der Bär im Lenormand kann auch Themen mit dem Vater ansprechen. Dornröschens Vater, der König, scheint zwar äußerlich etwas Gutes für seine Tochter zu wollen, indem er alle Spindeln im Land wegschaffen lässt. Letztlich verhindert er damit aber auch die Selbstverantwortung und Selbstständigkeit seines Kindes. Er traut seiner Tochter nicht zu, dass sie mit 15 Jahren auf sich selbst aufpassen kann und um die lauernden Gefahren weiß. Nichts darf sich seine Kontrolle entziehen. Seine Autorität unterbindet die weibliche Kraft mit allen Mitteln. Mit diesem Verhalten wird eine Schattenseite des Bären angesprochen: übertriebene Fürsorge und krampfhaftes Festhalten, das bis zum Kontrollwahn führen kann. Doch wie man sieht, wird das alles nicht helfen, dass das Mädchen doch seine eigene Erfahrung sammeln muss.

Wenn wir uns die Karte des Kindes und die Karte des Bären – also Karte 13 und 15 – in der Großen Tafel betrachten (nur möglich bei der 9×4 Legeweise), liegen sich die beiden Symbole genau gegenüber – sie „spiegeln“ sich. Wie passend, denn das Kleine begegnet dem Großen. Das Naive dem Reifen. Das Wehrlose dem Mächtigen. Gegensätze, die sich zu einer Einheit verbinden.
Auch in unserem Märchen gibt es eine Art Gegenüberstellung. Als kleines, wehrloses Kind begegnet Dornröschen das erste Mal der 13. Fee. Mit 15 als heranreifendes Mädchen, das allmähnlich an Stärke gewinnt, begegnet es der Fee in Gestalt einer alten Frau im Turm wieder. Das Mädchen sticht sich an deren Spindel, die Wirkung des Zaubers setzt auf der Stelle ein. Beides Schlüsselszenen, in denen die weibliche Macht deutlich wird, die in Dornröschen von Tag ihrer Geburt an wächst und wächst, aber auf verherrende Weise unterdrückt werden soll. „In dem Schloß steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Thüre auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. ‚Guten Tag, du altes Mütterchen,‘ sprach die Königstochter, ‚was machst du da?‘ ‚Ich spinne,‘ sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. “Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?‘ sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen…“

An dieser Stelle möchte ich meine Ausführungen enden lassen und Ihre Aufmerksamkeit nicht über Gebühr beanspruchen. Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, sind Sie wirklich an einer ganzheitlichen Betrachtung des Lenormand interessiert! Gerne können Sie mir auch im Kommentarbereich Feedback hinterlassen.
Da der weitere Verlauf des Märchens wiederum neue Symbole des Lenormand wie die Sense und den Turm ansprechen würde, wird es eines Tages an der Zeit sein, sich Dornröschen nochmal zuzuwenden. Wenn es bis dahin nicht schon tief und fest schläft…

Bilder: pixabay | unsplash

2 Gedanken zu „Märchenhaftes Lenormand – Dornröschen, der Zauber der Zahlen und die Rauhnächte (Teil 3 von 3)

  1. Liebe Frau Bergmann,
    mit großem Interesse lese ich immer Ihre informativen Artikel. Durch das Lesen hier und Ihre Bücher habe ich mein Lenormand-Wissen sehr vertiefen können.
    Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle für Ihre Zeit, Mühe und die Offenheit, Ihr Wissen an Interessierte weiterzugeben.

    Alles Gute für 2017 und viele Grüße
    Eva

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